Frei von der Leber weg
26.03.2008 vonFranz

Horst Lichter ist der Ansicht, eine Zunge gehöre nur zur Hälfte zu den Innereien, denn die andre Hälfte der Zeit hinge sie ja meist zum Hals raus. Dennoch, auch eine nur „halbe“ Innerei kommt bei vielen Leuten nicht auf den Teller, und ein Stück Tier, dem man seine Herkunft recht deutlich ansieht, jagt manchen Hobbykoch in die Wüste, statt ans Kochgeschirr. Mir ging das lange auch so.
Seit Wolfgang Siebecks Innereien-Kochwettbewerb, für den ich mich im vergangenen Jahr beworben hatte, ist das anders. Zwar kam ich nicht in die Endausscheidungen, sammelte dafür bei meinen Vorbereitungen aber etliche neue, meist köstliche Erfahrungen mit allen möglichen Innereien. Auch Birgit Vanderbekes schönes Büchlein “Schmeckts? – Kochen ohne Tabu” gehört seither zu meinen Lieblingsschmökern.
Bei Kuttelgerichten sind mir zwei recht gute Zubereitungen gelungen, dennoch sind sie mir nicht zu Lieblingsspeisen geworden. Von Nierchen gleich welcher Herkunft lasse ich weiter die Finger. Rinderzunge und Kalbsherz dagegen kommen seither öfter bei mir auf den Tisch, zumal beides sehr magere, geschmackvolle Fleischsorten sind und außerdem noch preisgünstig dazu.
Eine frische Rinderzunge zu kochen ist eigentlich ein Kinderspiel:

Die Zunge gut waschen und in reichlich kaltem Wasser schwimmend aufsetzen. Aufkochen lassen, evtl. Schaum und Verunreinigungen von der Flüssigkeit heben. Jetzt ein Lorbeerblatt, eine geschälte Zwiebel, 6 Pimentkörner (oder 3 Nelken), 4 Wacholderbeeren, 1 EL Weinessig, 10 Pfefferkörner und ein Stückchen Macisblüte zugeben und knapp unter dem Siedepunkt 2 ½ bis 3 Std. simmern lassen. Nach der zweiten Stunde kommt 1 TL Salz in den Sud. Wenn die Zunge gar ist, lässt sich die Zungenspitze leicht eindrücken. Die Zunge herausheben, leicht abkühlen lassen und die Haut abziehen.
Jetzt entferne ich alles Unansehnliche von den Rändern und dem Zungenboden und schneide auch die groben Oberflächenteile weg, nichts soll auch optisch den Genuss stören.
Den hinteren Teil der Zunge habe ich in dünnen Scheiben mit einer Kapern/Merrettich-Sauce aus der auf die Hälfte reduzierten Kochbrühe und mit Bouillongemüse serviert.

Das vordere Zungenstück wurde längs hauchdünn aufgeschnitten auf einem Bohnen-Kartoffelsalat mit einer Senfmarinade angerichtet:
6 EL Weinessig, Salz, Pfeffer, 2 EL Senf vermischen und 8 EL Olivenöl nach und nach einrühren.

Diesen Teller hatte ich mal als Vorspeise für den ZEIT-Kochwettbewerb zusammengestellt:
Lauwarme Zungenpraline mit Vermouthgelee, Kohlrabi-Püree und getrüffelten –Stiften und Brunnenkresserahm.
Das schmeckte zwar hervorragend, war als Vorgericht jedoch viel zu „mächtig“, denn Zungenfleisch ist durch seinen hohen Gelatinegehalt sehr sättigend. Eingereicht zum Wettbewerb hatte ich als ersten Gang schließlich: Karamellisierter Chicoree mit Spitzmorcheln und Kalbsbries – könnt’ ich auch mal wieder machen …
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Hier eine Version mit gewürzter Salzsole



















































